Ameisenbär – der gejagte Jäger

Veröffentlicht am 21. Oktober 2012 - 10:56h

Es wird nicht mehr lange dauern, bis der Grosse Ameisenbär, Herr des “Cerrado“, als Beute jener Wilderer ausgestorben sein wird, die sich über alle Gesetze zum Schutz der Umwelt hinwegsetzen.

Großer AmeisenbärNichts schöner als ein Ameisenbär zu sein, in einem Land “mit wenig Gesundheit und vielen Ameisen“, sagte einst der aufsässige “Macunaíma“, eine von dem brasilianischen Dichter Mário de Andrade geschaffene Figur im Jahr 1926. Jedoch ist der Überfluss der Ameisen inzwischen nicht mehr genug, um die Überlebenschancen des “Tamanduá-bandeira“ (Myrmecophaga tridactyla) zu garantieren, denn er ist stark gefährdet durch die “geringe Gesundheit“ der “Cerrados“, der Savannen und aller brach liegenden Gebiete, in denen er sich aufhält – besonders gefährdet durch Flächenbrände, Verkehrsunfälle und Wilderer.

Studien, deren zentrales Interesse dem Verhalten und der Ökologie der Ameisenbären gilt, sind in Brasilien sehr selten. Aber Beobachtungen der Natur, die unter anderem auch Studien dieser Spezies einbegreifen, demonstrieren die zunehmende Gefährdung dieses so aussergewöhnlichen Säugetieres.

Leandro Silveira, vom “Projekt Onça Pintada“ (gefleckter Jaguar), zum Beispiel, stellt Anzeichen zunehmender Wilderei in den Transitzonen zwischen “Cerrado“ und “Caatinga“ fest: “In Grenzgebieten der Caatinga, wie der Serra das Confusões – im Bundesstaat Piauí – sind die Ameisenbären praktisch verschwunden. Wenn man da noch einen sieht, geht die Nachricht rum wie ein Lauffeuer und die Wilderer sind noch schneller“. Der Forscher zählt die Gründe auf, warum so viele Leute es vorziehen, “Tamanduás“ zu jagen, anstatt andere Tiere, deren Fleisch im Grunde besser schmeckt: “Ameisenbären sind gross und liefern eine Menge Protein – sie sind langsam und deshalb leicht einzuholen – sie hinterlassen eine deutliche Fährte, deshalb braucht man keine Hunde, um sie aufzuspüren – und sie werden mit Knüppeln erschlagen, ohne Schusswaffe, auf diese Weise werden weder Wildhüter noch Polizei auf den Frevel aufmerksam. Wenn jemand innerhalb eines Nationalparks mit Hund und Gewehr erwischt wird, steht fest, dass er ein Wilderer ist“, fährt Silveira fort, “aber ohne Waffe und ohne Hund sagt er einfach, dass er sich verirrt hat“.

Weil es sich beim Grossen Ameisenbären um ein Tier mit geringer Geburtenrate handelt – ein Junges pro Tragzeit – und einer langen Abhängigkeit des Jungtieres von der Mutter – zirka zwei Jahre – kann die natürliche Erholung ihrer Populationen mit den zerstörerischen Folgen durch Wilderer nicht Schritt halten, geschweige denn, sie übertreffen. Und dieser Druck liegt nicht nur auf den Ameisenbären sondern auch auf den Beständen seines grössten natürlichen Feindes, dem gefleckten Jaguar (Panthera onça), zentralem Forschungsobjekt von Leandro Silveira, mit Unterstützung der “Conservação Internacional“ (CI) in Zentralbrasilien. Der Grosse Ameisenbär steht an zweiter Stelle der vom Jaguar meist gejagten Tiere – hinter dem Wildschwein (Tayassu pecari). Seine Strategie, sich unter seinem breiten Schwanz zu verstecken und sich als ein Haufen trockenen Grases auszugeben, bewahrt den Ameisenbär eventuell vor dem Jaguar, und isoliert ihn vor der Sonnenhitze – aber es bewahrt ihn nicht vor den menschlichen Verfolgern.

Der Mönch Vicente Rodrigues Palha, der “Bruder Vicente de Salvador“, hat die Überlebensstrategie des Ameisenbären in seiner “História do Brasil“ (1627) wie folgt beschrieben: “… und wenn er sich vor Jägern verstecken muss, wirft er seinen Schwanz über sich und bedeckt sich damit so umfassend, dass man weder Beine noch Kopf und nicht einen einzigen Körperteil entdecken kann. Dasselbe macht er, wenn er schläft, geniesst unter jenem Pavillon einen so tiefen Schlaf dass, selbst wenn eine Bombe neben ihm einschlüge, oder ein Baum mit grossem Getöse umfiele, er nicht erwachen würde…“

Eine andere Schwäche des Grossen Ameisenbären ist seine Verwundbarkeit durch Feuer. Obwohl er mit seinen kräftigen Krallen Termitenhügel aufreissen kann, gräbt das Tier keine Erdhöhlen, und wenn er sich dann plötzlich von einem Flächenbrand umzingelt sieht, kann er sich nicht, wie die Gürteltiere zum Beispiel, unter die Erdoberfläche retten, sondern verliert im Rauch die Orientierung. Und um seine Situation noch zu verschlimmern: sein Fell brennt leicht, und seine Fluchtgeschwindigkeit ist sehr begrenzt. Wie die Faultiere, haben auch die Ameisenbären einen geringen Stoffwechsel und eine niedrige Körpertemperatur, Eigenschaften, die auf ihrer kalorienarmen Nahrung beruhen – erklärt ein Forscher der staatlichen Universität von Minas Gerais (UFMG). Vielleicht hilft ihm der geringe Stoffwechsel beim Verdauen von giftigen Substanzen, so vermuten einige Gelehrte, aber definitiv behindert er ihn auf der Flucht. Im Jahr 1994 zerstörte ein Brand 97% des “Parque Nacional das Emas“ in Goiás, und bei der Aufstellung der getöteten Tiere registrierte man 332 Grosse Ameisenbären, die im Feuer verbrannt waren!

Ihr Problem wiederholt sich auf den Landstrassen: Viele Ameisebären sterben, weil sie von Fahrzeugen überfahren werden, wenn sie die Strassen in ihrer Langsamkeit überqueren. Eine traurige Statistik, die oft noch ergänzt wird durch den sadistischen Charakter gewisser Auto- und Lkw-Fahrer, die diese Tiere vorsätzlich überfahren. Glücklicherweise gibt es Menschen, die in umgekehrter Richtung arbeiten, besorgt um die ambientale Bewusstwerdung und beschäftigt mit der Ausstreuung von korrekten Informationen über diese Spezies. Das tut auch Guilherme de Miranda, Biologe, Geologe, Maestro und Doktor der Ökologie durch die Universität von Brasília (UnB) und, seit 2002, Kriminalexperte des “Instituto Criminalística da Polícia Fedral“ (Kriminalistisches Institut der Staatspolizei).

“Die Grossen Ameisenbären besitzen ein gewisses Charisma und Popularität, sie werden von Personen aller Altersgruppen schnell erkannt und als Symboltiere bei Bewusstmachungs-Kampagnen benutzt. Sie sind so sympathisch, dass sie es meiner Meinung nach verdienen, ihnen mehr Beachtung zu widmen, mit der Möglichkeit, sie für den Naturschutz einzuspannen“, fasst Miranda in seiner Erklärung zusammen, warum er gerade diese Spezies für seine Doktorarbeit gewählt habe.

Während vier Jahren begleitete und registrierte der Forscher die Gewohnheiten der Grossen Ameisenbären im Nationalpark “Das Emas“, der als Lebensraum der grössten natürlichen Population dieser Spezies in Brasilien gilt – mit 131.868 Hektar Cerrado-Vegetation. Miranda hat zum Beispiel festgestellt, dass ein ausgewachsener Ameisenbär ein Habitat von durchschnittlich 10,70 bis 16,10 Quadratkilometern beansprucht. Seine Bewegung an einem einzigen Tag kann sehr unterschiedlich sein: von lediglich 152 Metern bis 5.831 Meter, ein wahrer Marathon für ein Tier, dessen maximale Laufgeschwindigkeit zirka einen Kilometer pro Stunde nicht übertrifft.

Der Forscher hat auch verschiedene Muster von Haaren und Blut von den 32 Ameisenbären gesammelt, die im Lauf seiner Arbeit gefangen und mit Radiotransmittern bestückt wurden. Dieses genetische Material wurde an der Katholischen Universität von Brasília von der Wissenschaftlerin Rosane Collevatti untersucht und bestätigt, dass die Population des Nationalparks ein niedriges Poliformismus-Niveau (genetische Verschiedenheit) und ein hohes Mass an Inzucht aufweist. Das bedeutet eine weitere Schwäche, die das hohe Risiko der Ausrottung anzeigt, obwohl die Klassifikation auf den brasilianischen wie internationalen Listen bedrohter Fauna den Grossen Ameisenbären nur als “verwundbar“ anzeigt – also vor der Klassifikation “bedroht“ und “kritisch bedroht“.

Eine der Thesen von Guilherme Miranda in seiner Doktorarbeit behandelt die lokale Ausrottung der Spezies im “Parque Nacional das Emas“ innerhalb von 150 Jahren. “Wegen der fehlenden Daten über die Naturgeschichte der Grossen Ameisenbären nimmt man an, dass die gesammelten Ergebnisse noch eine gewisse Unsicherheit beinhalten“, sagt der Forscher. Aber dann fügt er hinzu: “Es besteht die Möglichkeit, dass die Situation nicht so besorgniserregend ist – aber sie kann durchaus auch noch schlimmer sein…“

Kurzbeschreibung des Grossen Ameisenbären:
Name in Brasilien: Tamanduá-bandeira
Wissenschaftlicher Name: Myrmecophaga tridactyla
Gewicht: bis 45 kg
Gesamtlänge: 1 bis 1,20 m
Schwanz: von 65 bis 90 cm
Schnauze: kann bis 45 cm lang werden
Zunge: wird bis 61 cm aus dem Maul herausgestreckt
Tragzeit: 190 Tage, fast immer nur ein einziges Junges
Gewicht des Jungen bei Geburt: zirka 1,3 kg
Abhängigkeit des Jungtiers: Das Neugeborene klettert gleich nach der Geburt auf den Rücken der Mutter und verbleibt dort mindestens sechs Monate lang. Danach begleitet es die Mutter zu Fuss, immer in ihrer Nähe, und wird erst mit zirka zwei Jahren selbstständig.
Lebenserwartung: Etwa 25 Jahre in Gefangenschaft – in Freiheit gibt es keine Daten.
Lebensraum: Gebiete mit offener primärer oder bewirtschafteter Vegetation (Cerrados, Savannen oder Palmenwälder). Hält sich auch in menschlicher Nähe auf – auf Plantagen oder auch im Umkreis von Siedlungen.

Der Ameisenfresser

Sowohl der indigene wie der wissenschaftliche Name beziehen sich auf die überraschenden wie begrenzten Ernährungsgewohnheiten des Ameisenbären. “Ta-monduá“ bedeutet in der Tupi-Guarani-Sprache “Ameisenjäger“ (ta = Ameise, Monduá = Jäger). Im Lateinischen bedeutet der genetische Name “Myrmecophaga” ebenfalls “Ameisenfresser” (Myrmeco = Ameise, phaga = der sich ernährt von). Und die Bezeichnung der einzigen Spezies dieser Gattung, “M. Tridactyla” bezieht sich auf die Zahl der Krallen an jeder Hand (tri = drei, dactyla = Finger). Eigentlich hat der Grosse Ameisenbär vier Finger an den Vorderbeinen und fünf an den Hinterbeinen. Der Name bezieht sich lediglich auf die drei grösseren, krallenbewehrten “Fingern“ der Vorderbeine. Sie sind so lang und gebogen, dass der Ameisenbär gezwungen ist, auf den Fersen zu laufen, was ihn zu jener charakteristischen “wiegenden“ Gangart zwingt.

Ausser dem “Tamanduá-bandeira“, dessen Verbreitung die weitest reichende der Familie Mirmecophagidae ist – von Belize und Guatemala, über Zentral- und Südamerika bis hinunter nach Argentinien – gibt es drei andere Arten von Ameisenbären aus zwei verschiedenen Gattungen. Der “Tamaduaí“ (Zwergameisenbär – Cyclopes didactylus) kommt zwischen dem Süden Mexikos bis nach Bolivien und dem brasilianischen Amazonasgebiet vor. Der “Tamanduá-mirim“ (Südlicher Ameisenbär – Tamandua tetradactyla) war ursprünglich zwischen Venezuela und Uruguays verbreitet, ist aber in diesen Ländern bereits ausgerottet. Und der “Tamanduá-do-norte“ (Nördlicher Ameisenbär – Tamanduá mexicana) lebt zwischen Mexiko, dem westlichen Venezuela und nördlichen Peru.

Die Nahrung aller vier Spezies ist ähnlich. Während der Grosse Ameisenbär seine Beute nur auf dem Boden sucht und der Zwergameisenbär nur auf den Bäumen, verteilen sich die beiden anderen Arten sowohl auf den Boden wie auf die Bäume. Der “Grosse“ reichert seinen Speiseplan gelegentlich mit Käfer- und Bienenlarven an – in Gefangenschaft akzeptiert er zur Abwechslung auch Früchte, aber die sind ein Zugeständnis. Die alltägliche Mahlzeit dieser Säugetiere – der Einzigen, die keinerlei Zähne besitzen – ist tatsächlich auf Ameisen und Termiten beschränkt, wie der Pater José de Anchieta in Bezug auf den “Tamanduá-bandeira“ in einem seiner Briefe aus dem Jahr 1554 schreibt: “Sein Hals ist lang und schmal – der Kopf klein und äusserst disproportioniert gegenüber seiner Körpergrösse – ein rundes Maul von der Grösse eines oder höchstens zwei Ringen – die ausgestreckte Zunge hat eine Länge von drei Handbreit, nur gemessen an dem Teil ausserhalb des Mauls, ohne die Verlängerung nach innen…, die er in die Ameisenhügel zu versenken pflegt, und wenn sie von allen Seiten mit Ameisen bedeckt ist, zieht er sie ins Maul zurück – das ist seine ordinäre Mahlzeit. Erstaunlich, dass ein so grosses Tier sich mit so wenig ernährt“.

Der in Brasilien berüchtigte “Abraço de Tamanduá“ (Umarmung des Ameisenbären) hat im Volksmund die symbolische Bedeutung eines Verrats – nicht ganz zu Unrecht, denn eine Umarmung des Grossen Ameisebären kann tatsächlich tödliche Folgen haben. Sie ist praktisch die einzige Verteidigung dieses langsamen, unbeholfenen Tieres, mir begrenzter Sicht und ebensolchem Gehör – sein bestes Alarmsystem ist sein Geruchsinn, der ist allerdings ungewöhnlich stark entwickelt.

Wenn er eine Gefahr wittert, benutzt der Grosse Ameisenbär seine zusätzlichen Gelenke, die er zwischen den Lendenwirbeln besitzt, um die Vorderbeine anzuheben und sein ganzes Gewicht auf ein “Dreibein“ zu verlagern, das von den zwei Hinterbeinen und dem Schwanz gebildet wird. Die Existenz dieser ungewöhnlichen Gelenke hat jener Gattung ihren Namen gegeben, welcher die Ameisenbären angehören (zusammen mit den Gürteltieren und den Faultieren): Xenarthra (vom griechischen xenon = fremd und arthros = Gelenke).

Hochgereckt breitet das Tier nun seine mit langen, scharfen Krallen bewehrte Arme aus und erwartet die Annäherung des Feindes, um ihn zu umarmen, sehr gut beschrieben – noch einmal – von Pater José de Anchieta (1554): “Seine Hinterbeine sind äusserst kräftig, fast vom Durchmesser eines menschlichen Oberschenkels, und die sind bestückt mit sehr harten Krallen, welche an Länge die aller anderen Kreaturen übertreffen. Aber der “Tamanduá“ benutzt sie nur zu seiner Verteidigung – wenn er von anderen Tieren angegriffen wird, setzt er sich hin, mit erhobenen Vorderbeinen, erwartet den Angriff, und nur mit einer einzigen Umarmung schlägt er ihm seine Krallen in den Leib und tötet es“.