Der Mähnenwolf (Lobo Guará)

Veröffentlicht am 15. August 2012 - 13:38h

Nur ein Gegenangriff mit umfassenden Informationen kann dem südamerikanischen Lobo Guará oder Mähnenwolf wie er in Deutsch heisst, helfen zu überleben.

Der Mähnenwolf ist scheu und einsam, und ist auch kein naher Verwandter der nordischen Wölfe oder der Füchse. Trotzdem schiebt man ihm die Schuld zu an Angriffen, die er nicht begangen hat, er wird ungerechtfertigter Weise gefürchtet, verfolgt und vergiftet. Das brasilianische Sprichwort “Quem vê cara não vê coração” (wer das Gesicht sieht, sieht nicht das Herz) definiert vielleicht am besten die grosse Bedrohung des Mähnenwolfs (Chrysocyon brachyurus). Als grösster Canide Südamerikas, ist er ein Opfer jenes bösen Rufes, den man mit den Geschichten um den “bösen Wolf“ verbindet. Von der Bevölkerung gefürchtet, wird er unbarmherzig verfolgt und gejagt, obwohl er ein einsames, scheues und gutmütiges Tier ist.

Der “Lobo Guará“, der als vom Aussterben bedroht in der Liste der brasilianischen IBAMA (Umweltinstitut) geführt wird, hat sich separat von den übrigen Canidae entwickelt und von einer Verwandtschaft mit Wölfen oder Füchsen kann keine Rede sein – obwohl er dauernd von Unkundigen mit jenen verglichen wird. Obwohl er zur Familie der Canidae gehört, entstammt er einer Gattung, die nur aus einer einzigen Spezies besteht – nämlich seiner. Seine weiten Verwandten der Gattung Canis, der Graue- oder Rote Wolf, existieren nur in Nordamerika (von Mexiko aus nordwärts) und in Teilen Europas und Asiens.

Er ist ein Bewohner der offenen Savannen, bevorzugt vor allem den “Cerrado“, doch kann man ihn auch auf den Pampas des Südens, in der Caatinga und im Grenzgebiet des Pantanal finden. Seine Verbreitung ausserhalb Brasiliens begreift Argentinien, Paraguay und Bolivien ein, sowie einen kleineren Teil von Peru und Uruguay, wo es nur wenig Information gibt, lediglich einen Bericht seiner Präsenz aus dem Jahr 1991.

Bis vor kurzem nahm man an, dass der Verlust des Lebensraums – wegen der Invasion des “Cerrado“ durch Landwirtschaft und Viehzucht – in erster Linie schuld am Rückgang seiner Populationen sei. Dann aber brachte ein Workshop, der Ende Oktober 2011 in São Roque de Minas (Bundesstaat Minas Gerais) stattfand und 60 Forscher aus Brasilien, Bolivien, Paraguay und Argentinien vereinte, die Überraschung: Vorurteile, Unkenntnis und Aberglaube der Einheimischen sind eine weit grössere Bedrohung als der Verlust des Lebensraumes. Immer noch existieren viele illegale Jäger, die das Tier nur aus einem einzigen Grund verfolgen: um ihm seine Augen auszustechen und als Amulett um den Hals zu tragen! Ausserdem töten viele Fazendeiros, sowie Hühner- und Geflügelzüchter, die armen Tiere mit vergifteten Fleischbrocken, weil sie fürchten, dass die “Lobos“ ihre Hühner und Kleintiere reissen.

Nach Aussage des Biologen Rogério Cunha de Paula vom “Centro Nacional para Pesquisa e Conservação dos Predadores Naturais do IBAMA” (Nationales Zentrum zur Erforschung und Erhaltung der natürlichen Raubtiere), mit Sitz in Atibaia, Bundesstaat São Paulo, besteht die andere grosse Bedrohung aus der Dezimierung durch den Strassenverkehr – und die hat mit dem schwindenden Lebensraum zu tun. “Da es Tiere der offenen Flächen sind, können sie auch auf degradierten Terrains leben. Durch die Abholzung des Atlantischen Regenwaldes findet man sie heutzutage bis nach Rio de Janeiro und Espirito Santo. Allerdings leben sie nicht auf Weiden oder bepflanzten Flächen, sondern halten sich dort nur vorübergehend auf. “Und auf dieser ihrer Suche nach Lebensraum werden sie gejagt oder überfahren“, sagt der Wissenschaftler.

Eine Untersuchung des Forschers Flávio Rodrigues, von der NGO “Pró-Carnívoros“ in Brasília, schätzt, dass der Mähnenwolf innerhalb von zehn Jahren in diesem Gebiet aussterben könnte, eben wegen jener doppelten Bedrohung: Fehlender Lebensraum und Überfahren durch den Verkehr. Und das geschieht durch den Druck der Bevölkerung, die sich weiter über die wenigen Cerrado-Gebiete ausbreitet, die dort übrig geblieben sind. Weil es sich um territoriale Tiere handelt, und der vorhandene Raum nicht für alle reicht, wandern einige ab – und begeben sich in die Gefahr, auf den Durchgangsstrassen überfahren zu werden. Eine weitere kritische Gegend ist der Bundesstaat Mato Grosso, in dem der Cerrado ebenfalls schnell verschwindet.

Rodrigues und De Paula sind die Koordinatoren der vollständigsten Untersuchung über den “Lobo Guará“, eine Partnerschaft zwischen dem “Cenap“ und der “Pró-Carnívoros“, die seit Anfang 2004 besteht und im “Parque Nacional da Serra da Canastra“ (71.525 Hektar), im Südwesten des Bundesstaates Minas Gerais, durchgeführt wird. Diese Arbeit besteht auch aus der Funküberwachung von 18 Mähnenwölfen, die ein Senderhalsband tragen – sieben von ihnen auf Fazenda-Gebiet ausserhalb des Parks. Dieser Nationalpark wurde ausgesucht, weil er eine gute Populationsdichte dieser Spezies besitzt – geschätzt auf ein Individuum pro Quadratkilometer, was zirka 70 oder 80 Exemplaren entspricht – ausserdem existieren von dort frühere Daten zum Vergleich, dank einer früheren Untersuchung zwischen 1974 und 1978 durch den Forscher James Dietz von der Maryland University (USA).

Das gegenwärtige Projekt beinhaltet eine Untersuchung der Ökologie, der Reproduktion und der Bevölkerungsgenetik des Mähnenwolfs und hat zum Ziel, das soziale Verhalten kennenzulernen und den Lebensraum eines jeden Tieres zu charakterisieren, in Relation zu Nahrung und zur Verfügung stehendem Jagdgebiet. Ausserdem möchten die Wissenschaftler wissen, wie sich die Jungtiere verteilen – möchten die genetische Verschiedenheit der Population charakterisieren, den reproduktiven Zyklus der Tiere in Freiheit studieren und mit den reproduktiven Eigenschaften von Exemplaren vergleichen, die in Schutzzonen leben und jenen, die sich im Umkreis von Fazendas und Landstrassen aufhalten.

Daraus wollen sie dann die hauptsächlichen Todesursachen identifizieren, Risiken durch von Haustieren übertragene Krankheiten erkennen (vor allem durch Hunde), und nicht zuletzt Sperma sammeln und einfrieren, um in Zukunft auf die Technik der künstlichen Reproduktion dieser Spezies zurückgreifen zu können. Mit der Zunahme des Wissens können auch die besten Strategien und Aktionen zur Erhaltung der Spezies und ihres Lebensraumes definiert werden.

“Jedes der mit einem Sender versehenen Tiere hat eine klinische Untersuchung hinter sich und wird wenigstens einmal pro Woche von uns in seinem Habitat kontrolliert“, erzählt der Veterinär Ronaldo Morato, Chef der Cenap. Die Untersuchungen haben gezeigt, dass alle Exemplare sich in gutem Allgemeinzustand befinden – lediglich kleinere Probleme, wie Zeckenbefall, wurden festgestellt, die jedoch keine Gesundheitsgefährdung der Tiere darstellen.

Obwohl man an Tieren in Freiheit bisher noch keine Symptome feststellen konnte, gehören Krankheiten von Haustieren zur Sorge der Wissenschaftler, vor allem wegen des Kontakts der Mähnenwölfe mit Hunden – sei es, dass Hunde durch die Schutzgebiete streifen, oder die Wölfe durch Fazenda-Gebiet.

Am Projekt Mähnenwolf sind insgesamt 18 Wissenschaftler beteiligt, um den multiplen Forschungsgebieten gerecht zu werden – sechs von ihnen in der Feldforschung, davon sind drei Nordamerikaner. Das Projekt ist auf einen längeren Zeitraum ausgelegt, ohne Abschlussdatum bisher. Von der Idee her möchte man die Mähnenwölfe wenigstens während zweier Generationen beobachten, und das bedeutet länger als 20 Jahre, denn diese Tierart lebt bis zu 13 Jahre.

Eine der bisher unbekannten Verhaltensweisen, welche die Wissenschaftler im Lauf dieser bisher zweijährigen Arbeit beobachten konnten, ist die Mitarbeit der männlichen Tiere bei der Versorgung der Jungen – eine Tatsache, die bereits bei den Tieren in Gefangenschaft beobachtet wurde aber in Freiheit noch nicht bewiesen war. In der Regel sind die Mähnenwölfe Einzelgänger, sie schliessen sich lediglich während der reproduktiven Periode zu monogamen Paaren zusammen – das weibliche Tier fordert das Männchen durch eine Reihe von deutlichen Körperbewegungen zur Paarung auf. Die Wissenschaftler möchten erfahren, wie lange die Beiden in jedem Reproduktionszyklus zusammenbleiben.

“Im Fall eines der Paare, die wir von Anfang unseres Studiums an begleiteten, starb das weibliche Tier, und seither hat sich das Männchen zwar in der Nähe anderer Weibchen aufgehalten, sich aber noch immer nicht für eine neue Partnerin entschieden“, erzählt Rogério.

Der “Lobo-guará“ ist ein grosses Tier. Er erreicht eine Körperlänge von 1,30 m plus weitere 40 cm Schwanzlänge, er kann 1 m Brusthöhe erreichen und mehr als 20 kg Gewicht. Sein Name “guará“, so sagen einige, stamme aus der Tupi-Sprache (guará = rot) und beziehe sich auf sein rötliches Fell. Der untere Teil seiner Beine, das Schwanzende und die Schnauze sind schwarz, und die Haare des Rückenfells hinter dem Kopf stellen sich auf, wenn das Tier erregt ist. Trotz seiner Grösse und seiner scheinbar grimmigen Erscheinung sind die Tiere dem Menschen gegenüber harmlos – auch unter sich sind Kämpfe zwischen den Männchen sehr selten – man hat sogar Fälle beobachtet, bei denen ein Wolf seinem angegriffenen Kameraden zu Hilfe geeilt ist.

Der Mähnenwolf ist ein Allesfresser – er ernährt sich ebenso oft von Pflanzen wie von Tieren – ein Nahrungsoportunist. Mit anderen Worten, er frisst das, was reichlich vorhanden und leicht zu bekommen ist. Aus diesem Grund – obwohl er fähig wäre, Hühner zu stehlen – ist er in den meisten Fällen unschuldig. “Nur weil er leichter zu entdecken ist als andere Tiere, wird der “Lobo-guará“ sofort beschuldigt, wenn ein Huhn oder ein Küken aus dem Hühnerstall verschwindet, dabei ist es viel wahrscheinlicher, dass eine “Jaguatirica“ (Ozelot) oder ein “Gambá“ (Opossum) der Dieb war, denn der “Lobo-Guará“ hat ein viel breiteres Nahrungsspektrum und würde deshalb kaum das Risiko auf sich nehmen, auch noch einen Zaun zu überwinden“, verteidigt Rogério de Paula sein Studienobjekt.

Um diese Vorurteile abzubauen ist die ambientale Erziehung ein bedeutender Teil der Arbeit im “Parque Nacional da Serra da Canastra“. Durch Unterhaltung mit den Fazendeiros und der Landbevölkerung im Umkreis versuchen die Wissenschaftler aufzuzeigen, dass der Mähnenwolf ein ausgezeichneter Verteiler von Pflanzensamen ist, und dass er wegen der Vertilgung von Schädlingen nützlich ist, denn er frisst Schlangen, Ratten und Mäuse im Umfeld der ländlichen Besitztümer. Die Wissenschaftler bieten den Leuten auch Impfungen für die Hunde der Region an, mit denen sie sowohl die Bevölkerung als auch die Wölfe vor Krankheiten schützen. In Kürze wird ein gerade verabschiedetes Projekt diese Erziehungsarbeit auch auf Lehrer und ihre Schüler der ländlichen und städtischen Gebiete erweitern.

Diese Informationen werden ebenfalls per Telefon verbreitet, wie De Paula erzählt: “Die Leute rufen beim Cenap an, um die Präsenz von Mähnenwölfen auf einer Fazenda anzuzeigen und darum zu bitten, sie einzufangen. Wenn wir dann fragen warum, antworten sie stets, dass sie Angst vor ihnen haben. Unsere Antwort lautet dann stets, dass sie keinerlei Gefahr darstellen und niemand etwas zu unternehmen braucht“.