Jaguar, Ozelot und Puma in Bedrängnis

Veröffentlicht am 1. Dezember 2012 - 13:13h

Ein ungewöhnliches Knurren – Fauchen – eine raschelnde Bewegung auf einem Baum im Park. Durch dicht stehende Büsche streift ein schneller Schatten – jemand erschrickt und schreit… ein “Onça“ (Jaguar) mitten in der Stadt! Ein “Jagatirica“ (Ozelot) im Badezimmer! Ein “Suçuarana“ (Puma) im Garten!

Die Hunde schnappen fast über mit ihrem giftigen Gebell – die Nachbarn laufen aufgeregt zusammen – bilden dann eine isolierende Mauer. Die Feuerwehr kommt angerast, Polizisten und Beauftragte vom Naturschutz treffen ein – sie alle, um bei dieser “Begegnung der ungewöhnlichen Art“ zu vermitteln.

Aus der Menge erheben sich dann stets Stimmen selbst ernannter Ratgeber, welche die Gefahr einer Annäherung hervorheben, die Angst vor einem Angriff der Kinder, die unberechenbare Wildheit dieses Tiers. Seltener dagegen sind die Stimmen zur Verteidigung der bedrängten wilden “Katzen“, Stimmen, welche die Risiken der Tiere beschreiben, die sich in urbanen Zonen verirrt haben – die sichtbare Angst in ihren Augen und die Gewalt jener improvisierten Einfangmethoden, die nur zu oft den Tod der Katze nach sich ziehen.

Allein zwischen Januar und Juni 2004 registrierte das “Centro Nacional de Pesquisa para a Conservação dos Predadores Naturais (Cenap/Ibama)” (Zentrum zur Erhaltung der natürlichen Beutejäger) sieben Vorfälle mit wilden Katzen in städtischen Wohngebieten. In sechs der sieben Vorfälle waren “Suçuaranas“ (Pumas) die Auslöser der Aufregung – in “Paranavaí“ (Bundesstaat Paraná) – in “Atibaia“ und “Sorocaba“ (Bundesstaat São Paulo) und in “Sacramento, Caldas“ und “Uberaba“ (Bundesstaat Minas Gerais). Der siebente Vorfall wurde durch eine “Onça pintada (gefleckter Jaguar) ausgelöst, der sich in “Manaus“ (Bundesstaat Amazonas) verirrt hatte. Vorfälle mit kleineren Katzen, wie der “Jaguatirica“ (Ozelot), die in “Araçoiaba da Serra“ (Bundesstaat São Paulo) ins Badezimmer eines Hauses eingedrungen war, werden der Statistik des spezialisierten Zentrums der IBAMA seltener gemeldet. Hingegen schmücken sie die Titelseiten jener sensationslüsternen Dorfjournalie und sorgen dafür, dass die Angst der Bewohner vor der “unberechenbaren Wildheit“ der Tiere weiter geschürt wird.

Die Zunahme von Registrierungen verirrter Grosskatzen in urbanen Gebieten nährt den falschen Eindruck, dass es zu viele Jaguare und Pumas gibt, oder dass sie wegen des Bejagungsverbots jetzt unverschämter würden. Die traurige Wahrheit jedoch ist, dass diese Annäherung an die Menschen eine Folge der brutalen Reduzierung ihres natürlichen Habitats darstellt, sowohl durch die Waldzerstörung als auch die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, die Verwandlung von Cerrados und Regenwald in Acker- und Weideflächen, durch den Bau von Strassen und durch die Ausbreitung der Städte. Mit anderen Worten, es sind nicht die wilden Katzen, von denen die Städte eingenommen werden, sondern die Städte, die den Lebensraum der wilden Katzen vereinnahmen! In ländlichen Gebieten sind die Begegnungen zwischen Menschen und Grosskatzen wesentlich zahlreicher und entsprechende Schätzungen ohne glaubwürdige Basis. Immer wieder gibt es Personen, die das Problem auf eigene Faust lösen, indem sie gegen das Schutzgesetz verstossen und Jaguare oder andere wilde Katzen einfach abschiessen – und natürlich einen solchen Vorfall nicht melden.

Andere Menschen leben problemlos mit dieser “Raubkatzen-Nähe“ und sehen ebenfalls davon ab, eventuelle Begegnungen zu registrieren. Solche Begegnungen werden erst dann angezeigt, wenn die Grosskatzen ein Haustier gerissen oder sich einer Wohnsiedlung zu sehr genähert haben. Von 1996 bis 2003 bekam die CENAP 470 solcher Anzeigen betreffs Kontakte zwischen Grosskatzen und Menschen – nur zwei bis drei Prozent davon gehen auf das Konto von Jaguaren in urbanen Zonen.

“Im Allgemeinen stellen diese Tiere kein Risiko für die Bevölkerung dar“, versichert ein Spezialist der CENAP. “Sie sind Einzelgänger, nachtaktiv und tendieren dazu, die menschliche Präsenz zu meiden. Im Fall einer unbeabsichtigten Begegnung sollte man lediglich ein bisschen Lärm machen, schreien, in die Hände klatschen, mit etwas klappern und den Weg zur Flucht freimachen – dann verschwinden sie schnell. Den Bereich einer Wohnsiedlung zu betreten, ist ein Richtungsfehler für einen Jaguar – eine Situation, die das Tier ebenso erschreckt und ihm genau so viel Angst einjagt, wie den Menschen“. Weiter berichtet der Spezialist, hat es in den vergangenen zehn Jahren keine Unfälle gegeben, bei denen Pumas oder kleinere Katzen Menschen angegriffen haben. Selbst der Gefleckte Jaguar, grösster Fleischfresser Amerikas, zieht es vor, dem Menschen auszuweichen anstatt ihn zu konfrontieren – und er greift nur an, wenn er sich seinerseits angegriffen fühlt.

In Brasilien gibt es keine “Grosskatzen, die Menschen fressen“ – wie das in einigen Gebieten Asiens und Afrikas durch Tiger oder Löwen geschieht – obwohl man dabei nicht vergessen sollte, dass solche “Man-eater“ in der Regel erst durch Schussverletzungen, die ihnen vom Menschen beigebracht wurden, auf den Geschmack gekommen sind, denn eine flüchtige Antilope können sie mit einem zerschossenen Bein nicht mehr jagen. Wohl nutzen einige Raubkatzen in Brasilien die Gelegenheit, Haustiere zu verzehren, aber selbst die sind Ausnahmen, wenn man bedenkt, wie selten sich diese scheuen Tiere in die Nähe von menschlichen Siedlungen wagen – dass ein Huhn fehlt oder eine Ziege gerissen wurde, solche Fälle passieren vor allem in Amazonien, im Pantanal oder in Fragmenten des Atlantischen Regenwaldes, wo die Bewohner ihr Vieh in offenen Ställen halten.

Komischerweise kommt ihnen nie der Gedanke, dass sie es sind, die dem Jaguar oder dem Puma etwas stehlen – nämlich den Lebensraum. Und dass sie, darüber hinaus, auch noch seine Beutetiere abschiessen. Also haben die wilden Katzen gelernt, den Menschen nicht als Beute, sondern als konkurrierenden Beutejäger, zu betrachten – und ihm aus dem Weg zu gehen. Das ist es, was die Katzenmütter ihren Jungen während der acht bis zwölf Monate ihres Zusammenseins nach der Geburt beibringen. Jeden Raubkatzen-Spezies hat ihre bevorzugten Ernährungsgewohnheiten, und keine von ihnen verschwendet die wertvolle Energie eines Angriffs auf etwas Anderes als zum Schlagen der Beute oder zur Verteidigung. Der einzige Jäger, der aus anderen Motiven angreift und tötet, ist der Mensch.

Der gefleckte Jaguar pflegt Wasserschweine zu erbeuten, Hirsche, Agutis und Wildschweine. Der Puma zieht etwas kleinere Tiere vor, wie Affen, Faultiere, Opossums, Eichhörnchen und Mäuse. Ein Ozelot jagt kleine Affen, kleine Ameisenbären und hat ein Faible für Wildenten. Die anderen Wildkatzen fressen Vögel, kleine Reptilien und Nagetiere.

Dem, der glaubt, dass die Fleischfresser grausam und entbehrlich sind, dem möchten wir die gegenwärtigen Probleme ins Gedächtnis rufen, den die unkontrollierte Vermehrung der “Capivaras“ (Wasserschweine) den verschiedenen Munizipien beschert hat – die speziellen Beutetiere des Jaguars. Sie halten sich in manchen Gegenden an Wasserläufen innerhalb der Städte auf, und obwohl es sympathische Tiere sind, sind sie Krankheitsträger, zum Beispiel des Fleckfiebers (oder Zecken-Typhus) dessen Virus die an ihnen haftende Zeckenart Amblyomma cajennense überträgt.

Beutejäger an der Spitze der Nahrungskette, wie die Raubkatzen, entsprechen ihrer naturgegebenen Funktion, die Populationen ihrer traditionellen Beutetiere im Gleichgewicht zu halten, und pflegen sich unter normalen Umständen an die ihnen vorgegebenen Ernährungsgewohnheiten zu halten. Diese Gewohnheiten ändern sie nur dann, wenn sie ihre bevorzugte Beute nicht mehr vorfinden oder wenn Haustiere sich als eine leichtere Beute erweisen als die traditionellen Wildtiere.

“Für diejenigen, die Raubkatzen gerne auf Distanz halten möchten, empfehlen wir ein paar grundsätzliche Vorsichtsmassnahmen, wie zum Beispiel den Müll in einer mit Deckel verschlossenen Tonne aufzubewahren, um keine Beutetiere des Jaguars oder anderer Grosskatzen anzulocken“, erklärt der Spezialist, der Ratten und Opossums in solche Beutetiere einbegreift. “Wer Haustiere züchtet, sollte sie des Nachts in einen verschliessbaren Stall einsperren. Ein Esel oder eine Ziege, die irgendwo draussen mit einem Strick angebunden werden, sind eine leichte Beute für den Jaguar – und wenn sich Esel oder Ziege auch noch in der Nähe eines Waldstücks befinden, sind sie direkt ein Köder für ihn“.

Durch die kontinuierliche Expansion der Landbesetzung durch den Menschen werden die ursprünglichen Jagdreviere der Raubkatzen zunehmend verkleinert, und die Räuber gezwungen, sich an Haustieren der Invasoren schadlos zu halten. Jaguare, Pumas und die anderen wilden Katzen sind territorial geprägte Tiere – jedes Männchen pflegt sein Areal zu markieren, in dem er zirkuliert und seine Nahrung erbeutet. Ein männlicher Puma kann ein Gebiet bis zu 140 Quadratkilometern beanspruchen, wenn es ihm an genügend Beutetieren fehlt – im Durchschnitt begnügt er sich mit 35 bis 40 Quadratkilometern. Pumas tolerieren die Nähe des Menschen am besten, denn sie sind hinsichtlich ihres Lebensraumes am flexibelsten – passen sich sowohl dem Wald als auch offener Vegetation bestens an. Auch die Jaguarundi (oder Wieselkatze) hat sich vom Menschen bewohnten Gebieten angenähert, obwohl man sie kaum bemerkt, weil sie ein dunkles Fell hat, ohne Flecken oder Streifen, und nachtaktiv ist – sie sieht einer gut genährten Hauskatze sehr ähnlich.

Eingeengt durch das wachsende Strassennetz – durch das Verschwinden freier Territorien, der Wälder und der nativen Vegetation – durch das Fehlen natürlicher Beutetiere – durch die Verschmutzung der Gewässer und durch die von Haustieren übertragenen Krankheiten, sind auch die wilden Katzen zu Verlierern des Zusammenstosses mit dem Menschen geworden. Für die Stadtbevölkerung scheint diese Ansicht des Problems indessen immer noch nicht die Panik und falschen Behauptungen betreffs der Gefährlichkeit dieser “Bestien“ eingeholt oder gar besiegt zu haben.

Wie die Tierärztin Cristina und Leiterin des “Centro Brasileiro para a Conservação de Felinos Neotropicais” in Jundiaí (São Paulo) berichtet, existieren nur wenige brauchbare wilde Katzen in Gefangenschaft für ein angemessenes Reproduktionsprogramm. Pumas und Jaguare sind zwar die zahlreichsten Spezies in Zoos und Pflegezentren, aber viele von ihnen sind übergewichtig durch falsche Behandlung und reproduzieren sich nicht mehr. Es gibt zirka 230 gefleckte Jaguare und 200 Pumas in offizieller Gefangenschaft. Die zur Verfügung stehende Population kleinerer Raubkatzen ist noch geringer: Weniger als 130 Ozelots – zirka 100 Kleinfleck-Katzen – 100 Ozelot-Katzen – 70 Jaguarundis und 40 bis 50 Langschwanzkatzen. Die seltensten Wildkatzen sind die Colocolos oder Pampaskatzen, mit nur 15 Exemplaren, im Zoo von São Paulo und im “Centro dos Felinos Neotropicais“, in Jundiaí.

Ungeachtet der Notwendigkeit, eine gewisse Population gefangener Tiere zur Pflege der genetischen Diversifikation jeder Spezies zu halten, wird die Mehrheit jener Exemplare, die durch eine Begegnung mit dem Menschen in Gefangenschaft geraten, wieder freigelassen. Nachdem sie von den Spezialisten des CENAP gemessen, markiert und ihnen Blut abgezapft wurde, sucht man nach einer Schutzzone, die ihren Bedürfnissen am besten entspricht, um sie dort auszusetzen. Das Leben in Freiheit ist immer noch die beste Garantie gegen die Ausrottung, trotz den immer enger werdenden Territorien.

Eine Übersicht der Raubkatzen Brasiliens

“Onça pintada” (Panthera onca) – gefleckter Jaguar
Vom Süden der USA bis hinunter nach Argentinien verbreitet. Die Jaguare Amazoniens und des Pantanal sind grösser als die aus dem Atlantischen Regenwald. Die Tiere bevorzugen Regenwälder und verflochtene Dschungel-Areale – sie meiden die offenen Flächen.

“Suçuarana” oder “Onça parda” (Puma concolor) – Puma
Dies ist das terrestrische Säugetier mit der weitesten Verbreitung Amerikas – von Alaska bis hinunter in den Süden von Argentinien und Chile. Seine Fellfärbung ist von einer Region zur andern unterschiedlich. Das Tier passt sich schnell an die verschiedensten Umweltbedingungen an und nähert sich auch den von Menschen bewohnten Arealen ohne Scheu.

“Jaguatirica” (Leopardus pardalis) – Ozelot
Lebt in den Wäldern zwischen dem Südwesten der USA bis nach Argentinien. Die Raubkatze jagt vorzugsweise auf dem Boden, obwohl sie Bäume mit Leichtigkeit erklettern kann und Äste benutzt, um sich zu verstecken oder zu schlafen. Das Territorium eines männlichen Exemplars liegt bei zirka 18 Quadratkilometern.

“Gato-do-mato” (Oncifelis geoffroyi) – Kleinfleck-Katze
Kommt in verschiedenen Waldgebieten Argentiniens, Chiles, Paraguays, Uruguays, Boliviens und Brasiliens vor. Sie ist ziemlich aggressiv. Die Fortpflanzung findet auf Bäumen statt.

“Gato-do-mato-pequeno” (Leopardus tigrinus) – Tigerkatze oder Ozelotkatze
Lebt in feuchten bis trockenen Waldgebieten bis auf 3.000 Metern Höhe – von Kostarika und Panama bis nach Brasilien und dem Norden Argentiniens. Eine seltene Spezies – die kleinste Raubkatze Mittel- und Südamerikas.

“Gato-maracajá” (Leopardus wiedii) – Langschwanzkatze
Verbreitet von Mexiko bis nach Paraguay und dem Norden von Argentinien. Hat besonders grosse Augen, angepasst an seinen nächtliche Aktivität – erklettert Bäume äusserst geschickt – kann sich auf Ästen sogar rückwärts bewegen.

“Jaguarundi” oder “Gato-mourisco” (Herpailurus yaguarondi) – Jaguarundi oder Wieselkatze
Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Brasilien bis hinauf nach Texas, USA. Toleriert die Nähe des Menschen, wie der Puma. Eine nützliche Hilfe bei der Vertilgung von Ratten und Mäusen, inklusive in Getreidefeldern.

“Gato-palheiro” (Oncifelis colocolo) – Colocolo oder Pampaskatze
Stammt aus Südamerika und ist zwischen den Anden, dem Süden Brasiliens und dem Norden Argentiniens verbreitet. Hat keine Flecken, eine hellbraune Fellfarbe und tritt in kälteren Zonen mit längerem Fell auf.

Alle Raubkatzen-Arten Brasiliens sind von Schutz- und Erhaltungsprogrammen abhängig, um zu überleben. Mit Ausnahme von Ozelot und Jaguarundi, die sich wieder erholt haben, und der Langschwanzkatze, die noch nicht als gefährdet gilt, werden die anderen fünf Raubkatzen-Arten in der Kategorie “beinahe bedroht“ geführt.