Geheimnisvolles Pantanal

Veröffentlicht am 7. September 2013 - 15:34h

Es ist bereits 6:15 Uhr an diesem denkwürdigen Morgen im geheimnisvollen Pantanal, die Sonne ist längst am Horizont erschienen und hat damit begonnen, die über der weiten Ebene driftenden Nebelschwaden der Nacht aufzusaugen. Ich werde langsam unruhig, denn meine Gäste sind VIPs und der Van für unseren Ausflug sollte eigentlich schon um 6:00 Uhr vor dem Tor bereitstehen. Eine Fotosafari steht heute auf dem Programm, und meine Nervosität bleibt den Gästen, die an den letzten Bissen ihres Frühstücks kauen, nicht lange verborgen – schliesslich richten sich die Blicke aller erwartungsvoll auf mich.

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Ich bin Tour-Guide hier im Pantanal, schon seit ein paar Jahren, ein “Guia turístico“, der seine Gäste zuerst einmal zu ihren rustikalen Unterkünften, den so genannten Lodges, transportiert und anschliessend durch die artenreiche tropische Natur führt – per Van, Jeep, Motorboot oder zu Pferd – ihnen Tiere und Pflanzen erklärt, und wie sie miteinander koexistieren, und vor allem für möglichst viele Gelegenheiten sorgt, Tiere zu beobachten und sie fotografieren und filmen zu können. Da die meisten unserer Gäste Ausländer sind, muss ein Tour-Guide mindestens drei Sprachen beherrschen, sich im Pantanal und mit seiner Flora und Fauna gut auskennen, und nicht zuletzt auch ein gewisses Mass an Menschenverstand, Toleranz und Diplomatie mitbringen, um wegen der unterschiedlichen Wünsche, Kritiken und Reklamationen seiner Gäste nicht aus der Haut zu fahren, sondern mit ihnen so cool umzugehen, dass sie ihn empfehlen und vielleicht sogar gerne wiederkommen.

Apropos aus der Haut fahren – unser Van ist immer noch nicht da. Jetzt im Juni, zu Beginn der Hochsaison, sind die Fahrzeuge der Agentur oft ausgebucht, und wir müssen auf Mietfahrzeuge zurückgreifen. Um 6:30 Uhr rufe ich unsere Agentur an – der Wagen sei bereits unterwegs, bekomme ich zur Antwort. Um den fragenden Blicken meiner Gäste entgegenzukommen, entschuldige ich mich für die Verspätung des Fahrers, erkläre, dass er bereits auf dem Weg sei und schlage vor, ihm auf der Transpantaneira-Piste ein Stück entgegenzugehen.

Aber meine Gäste sind verärgert, und mit Recht. Zwei Frauen, die gerne an diesem Ausflug teilgenommen hätten, schrecken vor einem Fussmarsch zurück – wir gehen also ohne sie los. Glücklicherweise gibt es in dieser frühen Morgenstunde auf beiden Seiten der Piste einiges zu sehen, und so sind meine Gäste viel zu sehr mit ihren Fotoapparaten und Filmkameras beschäftigt, als sich zu beklagen.

Es dauert fast eine Stunde, bis wir endlich das Brummen eines Motors hören – als das Fahrzeug sich dann aus der roten Staubwolke befreit, erkenne ich unser nächstes Problem: Es ist ein geschlossener Van und das Schlimmste, er ist zu klein für meine acht Gäste – zwei mit riesiger Filmausrüstung – dazu der Fahrer und ich selbst. Also schicke ich den Van zurück und rufe wieder die Agentur an, um denen die Situation zu schildern und einen Safari-LKW, mit offener Ladefläche und darauf montierten Sitzbänken, zu ordern. Die Agentur ist einverstanden, aber es wird mindestens drei Stunden dauern, bis er bei uns sein kann, also ist dieser Morgen praktisch gelaufen, und ich werde das flaue Gefühl in der Magengegend nicht los, meinen Gästen gegenüber versagt zu haben.

Gott sei Dank sind die so begeistert von ihren Entdeckungen am Rand der Piste, dass sie unser gegenwärtiges Transportproblem gar nicht mehr zu stören scheint – und die Natur leistet ihren Beitrag: Sie beschert den Gästen eine Herde Wasserschweine, die sich mit ihren Jungen am Rand einer Lagune niedergelassen haben, von einer der zahlreichen Holzbrücken aus können wir eine grössere Gruppe Brillenkaimane beobachten, und zahlreiche Vogelarten, darunter auch ein Schwarm der blauen Hyazinth-Aras, überfliegt die Piste oder hat sich auf den umgebenden Bäumen niedergelassen – zwei fast mannsgrosse Jabiru-Störche, die Wappenvögel des Pantanals, stochern im flachen Wasser eines Tümpels nach Schnecken und Muscheln. Allenthalben verschwinden die Köpfe meiner Gäste hinter ihren Kameras, man sieht es ihnen an, dass sie ihr Glück kaum fassen können, so nah an Tiere in freier Wildbahn herankommen zu können.

Aus der motorisierten Safari ist ein Streifzug zu Fuss durch die Umgegend der Lodge geworden – aber alle sind zufrieden mit der überraschenden Ausbeute. Nur die beiden zurückgebliebenen Damen setzen eine vorwurfsvolle Mine auf, besonders als sie von den Andern erfahren, was sie alles verpasst haben. Ich verspreche ihnen, dass wir die motorisierte Safari nach dem Mittagessen nachholen werden. Noch bevor wir uns auf das leckere Buffet stürzen können, trifft der LKW ein – jetzt fällt mir ein Stein vom Herzen, die Safari ist gerettet.

Von einer Siesta nach dem Essen will eigentlich niemand etwas wissen, die ersten Eindrücke an diesem Morgen haben besonders die Fotografen und Filmer in eine Euphorie versetzt, die sich im Lauf ihres Gedankenaustausches bei Tisch eher noch gesteigert hat. Ich erkläre ihnen, dass sich auch die Tiere während der heissen Mittagszeit in ihre Verstecke zurückziehen, um erst am Nachmittag wieder aktiv zu werden, denn jetzt im Juni können die Mittagstemperaturen bis zu 38 Grad erreichen.

Also legen wir eine Ruhepause von zwei Stunden ein, die man in dieser Lodge auch in bequemen Hängematten verbringen kann, welche zu diesem Zweck unter einem Schatten spendenden Dach aufgespannt sind. Auch einen mittelgrossen Pool gibt es hier, wer also lieber im lauwarmen Wasser plantschen möchte . . .

Schon während der Anfahrt ins Pantanal hatten mich meine Gäste mit ihren besonderen Wünschen “programmiert“ – mit den Tieren, die sie gerne sehen wollten. Darunter nahmen Hyazinth-Ara, Capivara, Anakonda und Ameisenbär die ersten Plätze ein – unsere morgendliche Fusswanderung hatte ihnen bereits zwei davon beschert.

Als ich als letzter auf die Plattform des LKWs klettere, erwarten sie mich mit gespannten Gesichtern im Schatten ihrer Sonnenhüte, es gibt auch für Kameras und Stative reichlich Platz – die gepolsterten Bänke habe bequeme Lehnen und sogar Gurte zum Anschnallen, die aber in unserem Fall, bei der langsamen Fahrt, nicht gebraucht werden – ausserdem würden sie unsere Filmer bei ihrer Arbeit behindern. Der Fahrer weiss Bescheid: Wenn ich zweimal aufs Dach seiner Kabine klopfe heisst das “fahr los“ – einmal Klopfen “halt an“!