Wasserschwein oder Capivara

Veröffentlicht am 22. März 2014 - 13:19h

Die deutschsprachige Wissenschaft hat diesem grössten Nagetier unseres Planeten – eben das Wasserschwein oder Capivara – das nur in Zentral- und Südamerika vorkommt, tatsächlich diesen irreführenden Namen gegeben, in Anlehnung an seine wissenschaftliche Bezeichnung Hydrochoerus hydrochaeris – beide Worte sind Ableitungen vom griechischen “hydros“ (Wasser) und “choiros“ (Schwein).

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Mit dem Wasser lag sein erster Beobachter, der schwedische Naturforscher Carl Nilsson Linnaeus, richtig: das “Wasserschwein“ braucht besonders viel Wasser in seinem natürlichen Lebensraum – aber mit einer Verwandtschaft zum Schwein lag er völlig falsch: das Tier ist eher mit Ratten, Mäusen und anderen Nagetieren verwandt, auf keinen Fall aber mit Schweinen. In Südamerika nennt man es “Capivara“ (in Brasilien) oder “Capybara“ (in den spanisch sprechenden Ländern) – und die spanische Bezeichnung hat sich inzwischen auch in der deutschsprachigen Wissenschaft weitgehend eingebürgert. Sie stammt aus der Sprache der Guarani-Indios (kapi’yva) und bedeutet “Herr des Grases“, was diesen grössten Grasfresser des Kontinents schon wesentlich treffender charakterisiert.

Bleiben wir also bei der neutralen Bezeichnung “Capybara“. Es gehört zu den Säugetieren und ist, wie schon gesagt, fast über den gesamten Mittel- und Südamerikanischen Kontinent verbreitet – man findet die Capybaras meistens in mittelgrossen Gruppen im Umfeld von Flüssen, Seen und Lagunen. Dort ernähren sie sich von Kräutern und Gräsern. Sie sind exzellente Schwimmer und Taucher, Schwimmhäute zwischen ihren Zehen unterstützen sie in ihrer halbaquatischen Lebensweise. Auch ihre Paarung vollzieht sich im Wasser, und ebenfalls im nassen Element verstecken sie sich vor ihren Fressfeinden, wie Grosskatzen, Waldhunde, Kaimane und Anakondas. Als Jungtiere müssen sie auch die grossen Greifvögel, wie die Harpyen oder Caracaras fürchten.

Bei solcher Gefahr flüchten die Tiere ins Wasser und tauchen unter, wobei sie mehrere Minuten unter Wasser verbleiben können. Auch für einen ungestörten Schlaf begeben sie sich ins seichte Wasser, und positionieren sich so, dass nur die Schnauze mit den Nasenlöchern herausragt, und sie so fast unsichtbar sind.

Im Pantanal (in den Bundesstaaten Mato Grosso und Mato Grosso do Sul) sind sie in der Morgendämmerung und am Spätnachmittag aktiv – in belebteren Regionen werden sie dagegen vorwiegend nachts aktiv. In den 1960er und 70er Jahren wurden Capybaras auch im Naturschutzgebiet Pantanal illegal bejagt – wegen ihrem Fell und ihrem wertvollen Öl, dem man therapeutische Eigenschaften nachsagt. Neuere Studien deuten an, dass es inzwischen allein im Pantanal wieder zirka 400.000 Capybaras gibt.

Als Grasfresser benutzen Capybaras das Wasser als Refugium, jedoch nicht als Nahrungsquelle, und diese Tatsache hat die Tiere entsprechend tolerant im Umgang mit einer vom Menschen veränderten Umwelt werden lassen. Der Fall des “Capybara da Lagoa“ (eines Capybaras in der Lagoa Rodrigo de Freitas – einer Freizeit-Lagune inmitten der Grossstadt Rio de Janeiro) wurde berühmt: Das Tier lebte monatelang im Umfeld der Lagune – so wie man auch die Präsenz von Capybaras in Teilen der Flüsse Tietê und Pinheiros, festgestellt hat – mitten in der Metropole São Paulo, und das, obwohl diese beiden Flüsse total verdreckt sind.

In Regionen entlang des Rio Paraná, im Süden Brasiliens, und im Norden von Argentinien, werden Capybaras oft eingefangen, um mit ihnen eine Zucht zu betreiben, oder sie werden geschossen, um ihr Fleisch zu verzehren. Allerdings muss eine solche Praxis in Brasilien von den ambientalen Kotrollorganen vorher genehmigt werden, weil sie sonst ein Verbrechen gegen die Umwelt darstellt, denn das Capybara steht in Brasilien unter Naturschutz.

Doch betrachten wir dieses interessante Tier einmal etwas genauer:

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Das Capybara (Hydrochoerus hydrochaeris), mit dem irreführenden deutschen Namen “Wasserschwein“, gehört zu den Säugetieren, und zwar zur Ordnung der Nager (Rodentia) – es ist der grösste Repräsentant dieser Gruppe, das grösste noch lebende Nagetier unseres Planeten. Sein bevorzugter Lebensraum sind die Feuchtgebiete Zentral- und Südamerikas. Nach seiner semiaquatischen Lebensweise zu urteilen, könnte man es eher mit dem afrikanischen Flusspferd vergleichen – wirklich verwandt ist es jedoch mit den Meerschweinchen, Ratten und Mäusen, sowie den zahlreichen anderen Nagetieren unserer Erde, die mit 42% die weitaus grösste Gruppe der Säugetiere bilden.

Ähnlich wie bei ihren unmittelbaren Nachbarn, den Kaimanen, verlaufen Ohren, Augen und Nase bei den Capybaras in einer Linie hoch oben am Kopf, sodass sie während des Schwimmens, Atmens und Ausschauhaltens den grössten Teil des Kopfes unter der Wasseroberfläche halten können und so für ihre Feinde kaum zu entdecken sind. Darüber hinaus tragen die Schwimmhäute zwischen ihren Zehen dazu bei, sich auch im Wasser schnell bewegen zu können.

Capybaras sind von massiger, plumper Statur mit relativ kurzen Beinen, von denen die vorderen in vier Zehen enden, und die Hinterbeine in drei. Der Schwanz hat sich im Lauf ihrer Entwicklung zurückgebildet. Die Tiere können eine Kopf-Rumpf-Länge zwischen 100 und 140 cm erreichen – weibliche Exemplare werden bis etwa 60 cm hoch, die männlichen bis 50 cm – mit einem entsprechenden Gewicht zwischen 65 und 55 kg in freier Wildbahn, während die Tiere in Gefangenschaft ein um 25 bis 30 kg höheres Gewicht erreichen können.

Ihr Fell besteht aus langen, groben Haaren, in Farbvarianten zwischen rotbraun bis grau an der Oberseite, und gelb-braun am Bauch, deren geringe Dichte an vielen Stellen die Haut durchscheinen lässt.
Der massige Kopf ist breit, die Schnauze kurz und abgerundet – er erinnert an den Kopf eines gigantischen Bibers – die kleinen, verschliessbaren Nasenlöcher sind oberseitig angeordnet und stehen weit auseinander. Männliche Exemplare besitzen im Schnauzenbereich eine Duftdrüse, mit der sie ihr Revier markieren.

Die vorderen Schneidezähne in Unter- und Oberkiefer sind, wie bei allen Säugetieren, die zur Ordnung der „Nager“ zählen, besonders gross ausgebildet – sie sind wurzellos, nutzen sich durch die Nageaktivität langsam ab und wachsen immer wieder nach.

Lebensraum und Lebensweise

capivara_1153Obwohl relativ bescheiden bezüglich ihrer Ansprüche an ein adäquates Habitat, sind Capybaras auf die Nähe von Gewässern – Flüsse, Seen, Sümpfe und andere Feuchtgebiete – angewiesen. Darüber hinaus brauchen sie dichte, dschungelartige Vegetation zu ihrem Schutz. Grasbewachsene Savannen liefern die von ihnen bevorzugte Nahrung. In weiten Feuchtgebieten, wie dem Pantanal von Mato Grosso, können sie sich am besten entwickeln und erreichen hier die grössten Populationen. Jedoch sind Capybaras im Vergleich mit anderen Wildtieren Südamerikas relativ anpassungsfähig an den vom Menschen veränderten Lebensraum – sie überleben deshalb auch in Gebieten, die abgeholzt und in Plantagen und Viehweiden verwandelt wurden.

Die Hitze des Tages verbringen die Tiere in Schlammsuhlen oder im seichten Wasser – aktiv sind sie dann vorzugsweise in der Dämmerung. Über Nacht verbergen sie sich in einem Dickicht oder Unterholz – Wohnhöhlen graben sie nicht. In von Menschen bewohnten Gebieten wechseln sie zu einer nachtaktiven Nahrungsaufnahme.

Bei Gefahr flüchten sie erstaunlich schnell auf ihren kurzen Beinen, stets in Richtung auf das nahe Gewässer, in dessen Nähe sie sich aufhalten – stürzen sich hinein und tauchen sofort unter. Sie können tauchend weite Distanzen zwischen sich und die drohende Gefahr bringen, oder sie verbergen sich zwischen der wuchernden aquatischen Vegetation.

Capybaras sind gesellige Tiere und halten sich in Gruppen, oft auch in Herden auf, die aus sechs bis zwanzig Exemplaren bestehen können – in der Regel Familienverbände mit ihrem Nachwuchs. Selten trifft man auch ausgewachsene männliche Tiere als Einzelgänger an. Die Gruppengrösse hängt von der Beschaffenheit ihres Lebensraumes ab und der jeweiligen Jahreszeit. Die Regenperiode ist in diesem Fall die für Capybaras günstigste Zeit: Dann breiten sich die kleineren Familienverbände über weite Flächen aus, und die Grösse der Herden nimmt ab.

Der Regen lässt Gras und Kräuter der Savannen neu spriessen, und die Tiere fressen sich in dieser Zeit eine Fettschicht an. Auch zur Aufzucht der Jungen bietet die Regenperiode ideale Voraussetzungen. Wenn dagegen in der Trockenzeit die Vegetation der Savanne verdorrt, rotten sich die Tiere an den grösseren Wasserarmen und den nicht austrocknenden Seen wieder zu Herden zusammen – als Nahrung bedienen sie sich jetzt zunehmend der aquatischen Vegetation. In extremen Trockenzeiten hat man im Pantanal, zum Beispiel, besonders grosse Herden von bis zu einhundert Tieren beobachtet, die sich um die verbliebenen Lagunen gelagert hatten.

Ein dominantes Männchen und mehrere Weibchen mit ihren Jungtieren bilden eine Gruppe – manchmal finden sich auch untergeordnete Männchen in derselben Gruppe. Beide Geschlechter sind Teile einer stabilen, hierarchisch gegliederten Rangfolge, die über Jahre Bestand hat – wenigstens solange das Alpha-Männchen in der Lage ist, seine Stellung zu verteidigen.
Die Kommunikation der Capybaras untereinander geschieht mittels einer Reihe von unterschiedlichen Lautäusserungen: Mit einem Schnurrlaut deuten sie zum Beispiel ihre Unterwerfung gegenüber einem stärkeren

Mitglied der Gruppe an, der Alarmruf klingt wie ein Bellen, sind sie zufrieden, drücken sie dies mit Schnalzlauten aus, ein schrilles Pfeifen und verschiedene Grunzlaute gehören ebenfalls zum Repertoire ihrer gegenseitigen Verständigung.

Die Ernährung

Capybaras ernähren sich, das wurde bereits erwähnt, in der Hauptsache von Kräutern und Gräsern, die sie auf dem Festland abweiden – besonders während der Trockenperiode ergänzen sie ihren Nahrungsbedarf auch durch Wasserpflanzen. Bei Gelegenheit, wenn sie in einer von Menschen besiedelten Gegend umherstreifen, bedienen sie sich auch verschiedener Kulturpflanzen, wie Zuckerrohr, Maniok oder Mais.

Ihr Verdauungssystem ist der ausschliesslich pflanzlichen Ernährung bestens angepasst. Von besonderer Funktion sind ein länglicher Magen und ein stark vergrösserter Blinddarm. So wie bei Meerschweinchen oder Hasen – Nagetiere, mit denen sie verwandt sind – wird die vom Blinddarm vorfermentierte Grasnahrung, als weiche, klebrige Kotmasse ausgeschieden und noch einmal gefressen (man nennt dies Koprophagie) – ein Verhalten, durch das die Tiere die zellulosehaltige, schwer verdauliche Nahrung bestens verwerten. Der nach abermaliger Verdauung ausgeschiedene Kot besteht aus trockenen, ovalen Kütteln, die nicht wieder gefressen werden.